
InTeam 5 - Zeitung der Rosa Antifa Wien
Skinheads in Spanien
Beispiel eines Angriffs und seiner Folgen
Ein Skinhead-Angriff von vielen
7. Juli 1996: Um 8 Uhr früh stehen X, sein Bruder Y und ein Freund vor einer Disko in M??laga, um dort die Nacht zu beenden. Vor dem Eingang zum Vorhof stehen zwei bullige Glatzen mit allem, was zu einem Skinhead-Outfit so dazugehört: Springerstiefel, Bomberjacke, eine kleine spanische Fahne und ein paar Abzeichen an die trainierte Brust geheftet. "Mit diesen Haaren und diesen jüdischen Sandalen kommst du hier sowieso nicht rein", sagt einer der Türsteher zu Y (Strandlatschen, leicht punkiger Haarschnitt). "Und wenn ich Jude wäre, was geht dich das an?" redet er zurück. In diesem Augenblick kommt ein dritter Skin aus der Disko heraus, sieht die kleine Gruppe und zieht sofort, synchron mit dem ersten, seinen Gürtel aus. Der erste Schlag mit der totenkopfförmigen Gürtelschnalle trifft X an der Stirn und bricht ihm den Frontal-Schädelknochen. Er fällt rückwärts auf die Straße. Der Türsteher geht in das Lokal und sperrt die Tür von innen zu. Die zwei Skins wenden sich den anderen beiden zu und schlagen mit den Gürtelschnallen auf sie ein: Xs Bruder kommt mit einem ausgebrochen Zahn, einem ausgerenkten Daumen und vielen großen Blutergüssen davon. Einer davon zeigt deutlich den Abdruck des Totenkopfs auf der Gürtelschnalle. Der dritte kann nach ein paar Schlägen fliehen.
Im Vorhof des Lokals stehen zufällig drei Freunde von X und können den Angriff genau beobachten; der Türsteher läßt sie aber nicht hinaus und verweigert ihnen den Zutritt zum Telefon, um Rettung und Polizei zu rufen. Y sieht seinen Bruder am Boden liegen und befreit sich von den zwei Skinheads, die ihre Gürtel wieder anziehen und ruhig davongehen - ohne Eile. X wird in die Klinik geführt und einige Stunden lang notoperiert: Die Verletzung ist lebensgefährlich, ein Knochensplitter steckt in der Gehirnhaut. Der Stirnknochen, an dieser Stelle über der Augenbraue fast zwei Zentimeter dick, ist völlig zersplittert - ein Loch von etwa drei mal 1,5 cm bleibt, die Haut darüber wird mit 36 Stichen zusammengeflickt. Dazu kommt das hohe Risiko einer Gehirnhautentzündung nach der Operation. Nach vierzehn Stunden gibt der Arzt die Entwarnung: X ist außer Lebensgefahr. Er bleibt drei Tage auf der Intensivstation, insgesamt vier Wochen im Krankenhaus.
Boykott von Behörden und Justiz
Während X operiert wird, geht sein Bruder zur Polizei, um den Angriff anzuzeigen. Schon bei diesem ersten Kontakt mit dem staatlichen System wird klar, daß Justiz und Polizei kein großes Interesse an der Verfolgung von rechtsextremen Gewalttätern haben. Die erste Frage des Beamten, mit einem abfälligen Blick auf Ys Totalverweigerer-T-Shirt: "Hast du überhaupt deinen Präsenzdienst abgeleistet?" Erst der dritte Polizist ist bereit, die Anzeige aufzunehmen und zeigt Y ein Fotoalbum mit dem Titel "Skinheads", das Beschreibungen von über 40 (!) polizeibekannten Skinheads aus M??laga enthält. Y erkennt einen davon, der andere wird mit Hilfe von Augenzeugen identifiziert. Einige Tage später sitzen beide in Untersuchungshaft. Der große Unterschied zwischen diesem und anderen Skinhead-Angriffen ist die Identität des Opfers: Die bevorzugten Opfer der Naziskins sind AusländerInnen ohne Papiere oder Punks, die sich eine Anzeige nicht leisten können, da sie entweder sofort ausgewiesen oder mit Kontrollen drangsaliert werden. In diesem Fall handelt es sich um einen männlichen, weißen, "studierten" spanischen Staatsbürger, und die Justiz muß sich wohl oder übel mit dem Angriff auseinandersetzen.
X wird nach vier Wochen aus dem Krankenhaus entlassen. Wie durch ein Wunder hat er weder einen Gedächtnisverlust noch bleibende Gehirnschäden erlitten. Er verliert seinen Sommerjob als Schwimmtrainer - in einer Stadt mit über 40% Arbeitslosen ein schwerer Schlag - und bleibt als Sportlehrer für einige Monate arbeitsunfähig. Für ihn beginnt eine lange Zeit der Alpträume, der Angst, auf die Straße zu gehen. In jedem kurzhaarigen Typen sieht er einen Skinhead, kann fast nicht mehr ausgehen, weil Haß, Rachlust und Angst zu stark sind. Die riesige, nur sehr langsam verheilende Narbe auf dem kahlgeschorenen Kopf macht das Vergessen und das Verdrängen unmöglich.
Solidarität?
Einige Journalisten berichten über den Angriff, Unterstützung kommt nur von den autonomen Kleingruppen rund um das besetzte Haus in M??laga, die sowieso persönliche Freunde von X sind. X versucht verzweifelt zu erklären, daß es sich hier nicht um einen Straßenkampf zwischen "tribus urbanas" (urban tribes) handelt, wie die Medien es sehen wollen. Daß die Naziskins eine organisierte Bande mit mächtigen Hintermännern sind, die für alle gefährlich sind. Aber wer hört schon einem Skin-Opfer zu: Allein die Tatsache, von Faschos angegriffen zu werden, drängt ihn für Medien und Parteien in ein illegales Eck.
Vor der Organisation der Protest-Demo, die am 20. November (dem Todestag Francos, Tag der Antifa- und Fascho-Demos) stattfinden soll, geht X zur Kommunistischen Partei, um sie im Sinne eines möglichst breiten Bündnisses zur Demo einzuladen. Die Antwort der Kommunisten: Sie haben jahrzehntelang gekämpft, um als legale Partei anerkannt zu werden, und wollen das jetzt nicht durch ein Bündnis mit illegalen Gruppen wie HausbesetzerInnen aufs Spiel setzen. Wie üblich, wird die Antifa-Demo von der Polizei bei der Anmeldung behindert, aber schließlich erlaubt. Zufällig führt die festgelegte Route an der Kirche vorbei, in der die Faschisten das jährliche Requiem für Franco abhalten. Vor der Kirche steht ein Nazi-Skin und grüßt die DemonstrantInnen mit dem Hitlergruß, schreit "Viva Espa??a" und "Tod den Linken". Fast kommt es zur großen Schlägerei, der Nazi wird aber von den 15 anwesenden Polizisten unter Schlagstockeinsatz beschützt und in die schwer bewachte Kirche geleitet. Der Rest der Nazi-Skin-Truppe steht an ihrem üblichen Treffpunkt am nächsten Platz, ebenfalls von der Polizei umzingelt bzw. beschützt, und schreit provozierende Parolen.
Die Gerichtsverhandlung:
Falsche Zeugen, Faschoanwälte
Erst nach einigen Monaten findet die erste Vorverhandlung statt. X hat sich dazu durchgerungen, zunächst auf die Justiz zu vertrauen. Direkte Gegenaktionen würden noch mehr Opfer fordern, keiner der linken Szene und der FreundInnen kann es mit den kampftrainierten Skins aufnehmen - außerdem soll die breite Bevölkerung auf das Problem aufmerksam werden, und das erreicht man am ehesten mit einem ordentlichen Gerichtsverfahren.
Schon bei dieser ersten Einvernahme wird die Vorgehensweise des Gerichtes klar: Opfer und Täter müssen fast eine halbe Stunde lang im selben Raum auf das Verhör warten. Eine schwere Belastungsprobe für X, der seinem Fast-Mörder zum ersten Mal gegenübersteht. Zu diesem Termin haben auch die Anwälte der Verteidigung das Recht, die Zeugen (und somit auch X) zu verhören. Wir sind überrascht und betroffen: Die Skins haben die zwei teuersten Anwälte von M??laga; einer davon ist der Präsident der "cofrad??as", religiöse Brüderschaften, die in Macht, Einfluß und faschistischer Einstellung etwa unseren schlagenden Verbindungen gleichkommen. Angesichts der sozialen Lage der beiden Skins, die wie ihre Eltern arbeitslos sind, wissen wir, daß die zwei Skins diese Anwälte nie und nimmer selbst bezahlen können. Eines ist jetzt klar (wenn wir es auch nicht beweisen konnten): Hinter diesen und den anderen Skins in M??laga stehen mächtige und reiche Hintermänner und eine hierarchische Organisation, die die Skinheads sozusagen als Straßenkampftrupp hält.
Der Prozeß gegen die beiden Skins findet fast 11 Monate nach dem Angriff statt. Die Privatanklage fordert 15 Jahre wegen versuchtem Mord und Rassismus, der Staatsanwalt vier Jahre wegen schwerer Körperverletzung, die Verteidigung plädiert auf Massenschlägerei ohne festzulegende Schuld für ihre Mandanten.
Die Verhandlung ist eine einzige Farce. Man kann die zahlreichen Hinweise auf Schiebung, falsche Aussage, Rechtsverdrehung, Verschleierung von Tatsachen, etc. von Seiten der zwei faschistischen Anwälte gar nicht aufzählen. Am ersten Prozeßtag findet vor dem Gerichtsgebäude eine Kundgebung von etwa 50 Personen statt, die nach wenigen Minuten von fast ebenso vielen Polizisten aufgelöst wird. Allen langhaarigen und nicht im Anzug oder Kostüm erschienenen Personen wird (rechtswidrig) der Zugang zur öffentlichen Verhandlung verwehrt. Den Zeugen war aus Sicherheitsgründen ein Sichtschutz zugesichert worden - da sie miteinander nicht kommunizieren dürfen (ganz im Gegensatz zu den Zeugen der Verteidigung) merkt jeder erst bei der Aussage, daß der Sichtschutz fehlt und er in Griffweite neben den zwei angeklagten Nazi-Skins stehen muß. Besonders für X, der als Zeuge aussagen muß, eine schwere Belastung. Er wird von den Anwälten der Verteidigung ins Kreuzverhör genommen und wie ein potentieller Mörder behandelt. Nach der Verhandlung hat er einen Nervenzusammenbruch.
Am zweiten Prozeßtag sollen über 50 Zeugen der Verteidigung aussagen: Zunächst ein freiwilliger katholischer Sozialarbeiter, der bestätigt, daß sich der Hauptangeklagte in den sieben Monaten, die er in Untersuchungshaft verbracht hat, prächtig mit allen Ausländern verstanden habe und daher kein Skinhead sein könne. Dann präsentiert die Verteidigung eine Reihe von falschen Zeugen, die unterschiedlichste, haarsträubende Versionen der "Schlägerei" abgeben. Sie widersprechen sich dermaßen, daß sie sofort entlarvt werden können, fünf von ihnen bekommen eine Anzeige wegen falscher Zeugenaussage unter Eid. Alle sind aus dem Umfeld der Skin-Szene, unter 20 Jahre alt und aus den Arbeitervierteln von M??laga - ohne Schulbildung, arbeitslos, und jetzt noch mit einer Vorstrafe, die sie noch tiefer in das Milieu sinken lassen wird. Den Anwälten, die das Ganze geplant und eingefädelt haben, geschieht natürlich überhaupt nichts.
Was tun?
Der Anklage wegen Rassismus wird schließlich nicht stattgegeben, die Disko wird trotz der Verweigerung der Hilfestellung jeder Verantwortung enthoben. Einer der Skins wird wegen schwerer Körperverletzung zu drei Jahren Haft verurteilt, der andere zu vier Wochenenden Hausarrest (!!!). Die Anwälte legen sofort Berufung ein, und heute, über eineinhalb Jahre nach dem Angriff, sind beide Skins immer noch in Freiheit. Das ist keineswegs ein Einzelfall. Rechtsradikale Gewalt hat in Spanien in den letzten Jahren weit mehr Opfer gefordert als beispielsweise die Attentate der ETA, aber nur sehr selten kommt es zu einer Gerichtsverhandlung. Bei einem vielbeachteten Prozeß im Mai 1997 in Madrid, bei dem 15 Naziskins des Mordes an einem jungen Mann angeklagt waren, wurde nur einer der Täter wegen fahrlässiger Tötung verurteilt, die anderen 14 gingen trotz erdrückender Beweislast völlig straflos frei. In den größeren spanischen Städten kontrolliert die Skinheadszene ganze Stadtviertel und wird von unbekannten Hintermännern mit Trainingsmöglichkeiten, Lokalen und rechtsradikaler Literatur versorgt.
X hat erst im Dezember 1997 die letzte Kopfoperation hinter sich gebracht und leidet nach wie vor unter Angstzuständen. Bei der Antifa M??laga hat die ganze Geschichte vor allem Ratlosigkeit hinterlassen. Die Skinheadszene ist seit der Gerichtsverhandlung eher noch gewachsen; in den letzten Monaten wurde systematisch jeden Freitag eineR aus dem besetzten Haus angegriffen, fast jede Woche gibt es schwerere Verletzungen. Von den vielen Angriffen auf AusländerInnen erfahren wir aufgrund ihrer speziellen Situation nur sporadisch und zufällig. Die Skinheads sind seit der Gerichtsverhandlung dazu übergegangen, sich als Raver zu "verkleiden" und können so auf der Straße nicht einmal mehr erkannt werden.
Für direkte Gegenaktionen sind wir einerseits nicht gerüstet, andererseits trifft man damit nur den Außenposten der rechtsradikalen Szene: Die straßenkämpfenden Skinheads, in den meisten Fällen sehr junge, arbeits- und chancenlose ArbeiterInnenkinder, die ihr eigenes Handeln kaum durchschauen (was es keinesfalls entschuldigt!!). Die Hintermänner der Szene konnten wir nicht ausfindig machen; Faschismus ist in Spanien außerdem durchaus salonfähig und gerade in Justiz und Polizei weit verbreitet. Eines haben wir auf jeden Fall gelernt: Auf die Justiz kann man nicht verzichten, wenn man das Problem öffentlich bekannt machen will. Vertrauen kann man ihr aber noch weniger.
