
InTeam 5 - Zeitung der Rosa Antifa Wien
Von Bildern und Juden
In den Reaktionen auf die Beschlagnahme der Schiele-Bilder in der USA konnte wieder einmal festgestellt werden, wie gesellschaftlich anerkannt antisemitische Drohgebärden sind, und wie weit in der Regierung diese Geisteshaltung verbreitet ist.
Kaum wurden die mutmaßlich arisierten Bilder aus der Sammlung Leopold von einem New-Yorker Gericht vorläufig an der Ausfuhr gehindert, rumorte es wie bereits bei der Affäre Waldheim vor über einem Jahrzehnt in der Volksseele. Statt die wirkliche Geschichte der Bilder anzusehen und Österreichs schleißigen Umgang mit seiner Vergangenheit zu hinterfragen, waren sich sofort Vertreter aus den verschiedensten Parteien und Institutionen in ihrer Empörung über diese Vorgangsweise einig. Von "Raubrittertum" wurde da ebenso gesprochen wie von "Kunstraub" und ähnlich martialischen Dingen.
Wie schnell jedoch wieder "die Juden" daran schuld sind, zeigte das Fernsehstatement von Unterrichtsministerin Gehrer (ÖVP).
Sie hoffe - so formulierte es Gehrer - daß die Beschlagnahme der Bilder nicht das in den letzten fünfzig Jahren aufgebaute gute Verhältnis Österreichs zur "jüdischen Gemeinde" belasten würde. Was vordergründig nicht so antisemitisch klingt wie es ist, entpuppt sich als Drohung, wenn mensch bedenkt, daß sie aus einer Partei kommt, die noch vor 12 Jahren einen Kriegsverbrecher mit antisemitschen Durchhalte- und "Jetzt erst recht"- Parolen zum Bundespräsidenten gemacht hat.
Was die einstweilige Verfügung des New-Yorker Gerichtes auf Initiative von Nachkommen der in Nazi-KZs ermordeten Vorbesitzer mit der "jüdischen Gemeinde" zu tun hat, weiß wohl nur jemand, der noch mit jüdischen Weltverschwörungstheorien im Hinterkopf herumläuft. Was ist mit "jüdischer Gemeinde" gemeint? Die israelitische Kultusgemeinde in Wien? Das "Weltjudentum"? "Juden sind eben Juden!", dürfte sich Gehrer wohl denken, "und wenn von denen jemand nicht spurt, dann wird dadurch eben das Verhältnis zu Österreich belastet."
Wenigstens hat die Schiele-Bilder Affäre wieder einmal gezeigt, wie weit in höchste Regierungkreise hinein antisemitische Stereotype und Vorstellungen verbreitet sind. Allerdings - und das ist das Erschreckende - sind Äußerungen, die in Zusammenhang mit der Affäre Waldheim 1986 noch für einen öffentlichen Aufschrei gesorgt haben, 1998 bereits wieder so salonfähig, daß sie nicht einmal vom Großteil der "antifaschistischen Öffentlichkeit" registriert wurden.
