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InTeam 5 - Zeitung der Rosa Antifa Wien

Marinaleda - Dorf der LandbesetzerInnen

Landbesetzungen haben in Spanien eine lange Tradition und erleben in den letzten 10 Jahren einen gewaltigen Aufschwung. Während im Norden des Staates Menschen aus der städtischen BesetzerInnenszene verlassene Dörfer besetzen, um eine Lebensalternative zu schaffen und sich den Zwängen des Lohnarbeitsystems zu entziehen, ist es in Andalusien vor allem die Landbevölkerung selbst, die Großgrundbesitz besetzt und in selbstverwaltete Bauernhöfe oder Kooperativen verwandelt. Das Dorf Marinaleda ist ein Sonderfall dieser Bewegung: Es handelt sich um ein ganz normales Dorf, das Land besetzt - und bekommen hat.

La tierra para quien la trabaja (Das Land denen, die es bebauen)

Auf der "Allee des Friedens" wird die Besucherin von einem Solidaritätsplakat mit Chiapas begrüßt. Die Fassade des Rathauses ist flächendeckend mit einem Totalverweigerer-Wandgemälde zugemalt. Die Autos der Lokalpolizei zieren Wappen mit dem Spruch "Marinaleda - eine Utopie für den Frieden." Nein, wir sind nicht im Wunschtraum eines unverbesserlichen Idealisten gelandet, sondern in einem kleinen Dorf der Provinz Sevilla; ein ganz normales Dorf mit seinem Bürgermeister, seinen drei Bars, alten Männern auf den Parkbänken und tratschenden Frauen beim Einkaufen.

Und so ganz normal ist Marinaleda, wie der erste Blick schon erahnen läßt, doch nicht. Die Mehrheit der EinwohnerInnen sind MitgliederInnen der LandarbeiterInnengewerkschaft SOC (Sindicato de los Obreros del Campo), die auf kommunistisches Gedankengut und anarchistische Erfahrungen mit Landbesetzungen in den 30er Jahren zurückgreift. Im umliegenden Gebiet dominiert, wie in ganz Andalusien, der Großgrundbesitz; die meisten Familien lebten von der Saisonarbeit in den Olivenplantagen der wenigen Adeligen, denen das Land rundherum gehört. Schon seit der Gründung einer SOC-Gruppe in Marinaleda 1977 besetzten die EinwohnerInnen regelmäßig umliegende Landgüter, um meist nach wenigen Tagen von der Polizei wieder vertrieben zu werden. Seit 1981 konzentrierten sie sich dabei auf das landwirtschaftlich untergenutzte Landgut "El Humoso", das in unmittelbarer Nähe des Dorfes liegt und dem Duque del Infantado, einem meist abwesenden Sproß einer alten Adelsfamilie, gehörte. Die BesetzerInnen trotzten den Räumungen der Polizei und besetzten das Land jedes Jahr einige Tage länger, bis sie es 1989 90 Tage hindurch besetzt hielten und begannen, den Boden zu bebauen. Dazu besetzten sie Eisenbahntrassen, Maschinen, Büros in der Hauptstadt Sevilla und alles, was die Mächtigen des Landes so stören könnte. 1991 hatten sie mit ihrer Strategie schließlich Erfolg: Die sozialistische Regierung enteignete den Grafen und sprach das 1.200 Hektar große Landgut dem Dorf Marinaleda zu.

Land in Gemeinschaftsbesitz

Die Mehrheit der DorfbewohnerInnen organisierten sich daraufhin in einer Kooperative, das Land ging in Gemeinschaftsbesitz über. Ein Riesenerfolg - und doch nicht genug, denn es gab nicht ausreichend Wasser, um das Land zu bebauen, und Wasserleitungen sind zu teuer, als daß sie die Kooperative bezahlen konnte. So wurde in den frühen 90er Jahren noch ein in der Nähe liegender Stausee besetzt und das Recht auf Wasser (und eine von der Provinzverwaltung bezahlte Leitung) erkämpft. Ähnlich verfuhr man mit den Maschinen der Großgrundbesitzer.

Alle Entscheidungen im Dorf werden in basisdemokratischen Versammlungen von den Kooperativenmitgliedern getroffen. Versammlungsraum ist die Halle des SOC mit angeschlossener Bar - ein riesiger Raum, von dessen Wänden überlebensgroße Porträts des Che, Ghandis, Marx` und Mart??s einträchtig auf die langen Bänke herunterschauen. Bei den offiziellen Wahlen können auch die wenigen "Contras" wählen, wie der SOC die BewohnerInnen nennt, die mit den Besetzungen und der Dorfpolitik nicht einverstanden sind. Die erdrückende Mehrheit erhielt aber der derzeitige Bürgermeister Sanchez Gordillo, SOC-Mitglied und überzeugter Kommunist.

Wir haben die BewohnerInnen von Marinaleda 1994 in Granada kennengelernt: Damals wurde der Bürgermeister Sanchez Gordillo wegen der mehrtägigen Protestbesetzung von Eisenbahngeleisen mit einigen anderen SOC-Mitgliedern verhaftet und ins Gefängnis von Granada überführt. Praktisch direkt hinter dem Polizeiauto fuhren sechs Busse mit der Dorfbevölkerung von Marinaleda nach, die die nächsten Tage vor dem Gefängnis kampierten und die Freilassung ihres Bürgermeisters forderten: Ziegenhirten und Totalverweigerer, alte Männer und junge Feministinnen, Hausfrauen mit Kleinkindern. Es war der Schnitt durch eine "ganz normale" Dorfbevölkerung, der da stur der ratlosen Polizei widerstand - ein sehr eindrucksvolles Erlebnis. Seit dieser Zeit hat sich Marinaleda in einer Weise entwickelt, die für ein andalusisches Dorf fast unglaublich ist: Es gibt einen Kindergarten und ein Altersheim; ein neues, etwas monumentales Kulturhaus bietet Probe- und Ausstellungsräume, Ateliers und einen Theatersaal zur allgemeinen Benützung. Lokalfernsehen und Radio stehen allen offen, die Programm machen wollen. Zwischen Marinaleda und dem Nachbardorf, das sich der Kooperative angeschlossen hat, entsteht ein 7 Hektar großer Park, Sportplätze und ein riesiges Schwimmbad sind für alle gratis. (Zum Vergleich: In der nächsten Großstadt, M??laga mit 600.000 EinwohnerInnen, gibt es kein einziges öffentliches Schwimmbad, und schon gar keine Tennisplätze...)

Rote Sonntage und Gratis-Häuser

Diese ganzen unglaublichen "Dorf-Features" konnte natürlich nicht die Verwaltung des 2.600 EinwohnerInnendorfes bezahlen. Arbeiten am Gemeinschaftsgut werden an den sogenannten "Roten Sonntagen" freiwillig und kollektiv verrichtet. Dazu nimmt sich der Bürgermeister oder ein SOCler ein Megaphon und fährt mit dem Lastwagen durch die Straßen, wobei er "Domingo Rojo! Roter Sonntag!" brüllt. Und Hunderte kommen sofort aus den Häusern und nehmen nach einer anstrengenden Landarbeitswoche noch einmal Werkzeug, Schaufel und Besen in die Hand, um am Dorf zu arbeiten.

Wer ein Haus braucht, benötigt dazu ebenfalls keinen Groschen Geld. Das Rathaus stellt den Grund, das Baumaterial und sieben bezahlte und ausgebildete Maurer zur Verfügung, und die Interessierten bauen in (unbezahlter) Gemeinschaftsarbeit jeweils zwanzig Häuser in einer kleinen Siedlung auf. Diese werden nach Fertigstellung je nach Notwendigkeit und geleisteten Arbeitstagen vergeben. Derzeit wird gerade die zweite solche Siedlung fertiggestellt, die dritte ist bereits begonnen. In einem Land, in dem junge Menschen heute aufgrund der Arbeitslosigkeit im Durchschnitt erst mit 33 Jahren(!) aus ihrem Elternhaus ausziehen können, ist so ein Angebot geradezu surreal.

Ein kleines Paradies?

Marinaleda scheint also ein kleines Paradies geworden zu sein: Dreißig mal mehr Menschen haben bezahlte Arbeit als vorher. 45 ArbeiterInnen haben ganzjährige Arbeit in der Kooperative, die mit zehn Traktoren ausgestattet ist. Auf dem Land wurden 350 ha Oliven gepflanzt, der Rest für Gemüse, Obst, Viehhaltung und Hühner genutzt. Die sozialen Einrichtungen sind besser als in jeder Großstadt, und das Dorf hat ein Mobilisierungspotential für Protestaktionen, wie wir es noch nirgendwo gesehen haben. Aber wie bei allen realisierten Utopien mischt sich auch bei einem Besuch in Marinaleda heute ein bißchen Bitterkeit in die Bewunderung und Euphorie. Während man in den ersten Jahren, nachdem das Land dem Dorf zugesprochen wurde, auf biologische Landwirtschaft gesetzt hat, haben nach einigen Mißernten die älteren und weniger "alternativen" Dorfbewohner traditionelle Anbaumethoden in großen Flächen durchgesetzt. 1998 soll zur weiteren Schaffung von festen Arbeitsplätzen vor allem für Frauen angeblich Agrarindustrie im großen Stil "für den Export nach Europa" aufgebaut werden, und eine Straußenfarm (!?) entsteht innerhalb der Kooperative. Auch im gesellschaftlichen Bereich haben wir uns vielleicht zu viel von einem Dorf erwartet, das schließlich nicht aus dem Nichts entstanden ist, sondern ein alte, gewachsene Struktur hat. Bei einem Besuch in der Bar des SOC, in der rund um die Uhr über hundert Männer sitzen, Karten spielen und auf den Abmarsch zu einer Protestaktion zu warten scheinen, drängt sich die Frage nach den Frauen auf: Die sind, trotz aller schönen Worte, zu Hause und kochen. Ansätze einer feministischen Organisation in den ersten Jahren sind den gewachsenen, patriarchalen Familienstrukturen zum Opfer gefallen. Die Entscheidungen im Dorf werden nach wie vor von der Versammlung getroffen, man hat aber den Eindruck, daß einstimmig gewählt wird, was der (zugegeben sehr charismatische) Bürgermeister vorschlägt. Er wird es schon wissen, er kommt ja so viel herum, ist die einhellige Meinung. Kritischen Geistern wird schnell vorgeworfen, sie seien intellektuell, individualistisch und wollten nicht das Beste für die Gemeinschaft - von der sie schließlich und endlich abhängen, denn die Versammlung entscheidet auch, wer einen festen Arbeitsplatz in der Kooperative oder ein Haus bekommt.

All diese negativen Randerscheinungen sind nur in Ansätzen zu erkennen, und es bleibt zu hoffen, daß Marinaledas Utopie von einer gerechteren Gesellschaft nicht in ländlichen Familienstrukturen steckenbleibt. Und sobald man Marinaleda wieder verläßt, und an der Bushaltestelle vor der (ausbeuterischen) Keksfabrik im nächsten großen Dorf von widerlichen Machos angemacht wird, die sich noch nie den kleinsten Gedanken über ihr Verhalten machen mußten, ist man sich schon wieder sicher:

Marinaleda ist ein Beweis, daß das Unmögliche zu schaffen ist. Und auf jeden Fall einen Besuch wert.

{lausgitsch}